Beispiel 1

Ich erhielt ich den Auftrag,  ein Fotobuch zum 95. Geburtstag zu entwerfen.

Der Jubilar hatte seine Lebensgeschichte geschrieben. Sie umfasste Kindheit, Jugend, Krieg und Vertreibung sowie die ersten Nachkriegsjahre mit Berufsaufbau und Familiengründung und endete in den 60er Jahren. Ein zutiefst bewegendes Dokument eines Sudetendeutschen, dessen gesamte Familie vertrieben wurde.

Leider existierten nur sehr wenige Fotos, und diese stammten eher aus den Nachkriegsjahren.

Die Aufgabe war nun, aus dem Wenigen ein hochwertiges Buch zu gestalten, das die Erinnerungen in Text und Bild festhielt und darüber hinaus durch gestalterische Elemente die vergangene Zeit wieder aufleben ließ. 

In einem ausgiebigen Interview mit der Auftraggeberin erfragte ich viel über die Persönlichkeit des Jubilars, um ihn kennenzulernen und die zusätzlichen Texte im Buch einfühlsam und auf ihn angepasst zu verfassen. 

Im ersten Schritt wurden die Fotos von der Auftraggeberin vorsortiert, mit Namen versehen und digitalisiert zugeschickt. Der Lebensbericht lag ausgedruckt als lose Blattsammlung vor. Es stellte sich die Frage, wie er in das Gesamtkonzept eingearbeitet werden kann, ohne ihn zu "zerreißen". Die Grafikerin entschied sich für ein kleines Heft, das in einem angebrachten Schuber in der Rückseite des Fotobuchs Platz fand.

Um den Mangel an Fotos auszugleichen und den Lebensbericht dennoch zu bebildern, recherchierte ich nach alten Aufnahmen und historischen Details von Orten und Gebäuden, die im Lebensbericht erwähnt wurden.  

Der Überraschungseffekt war gelungen, als der Jubilar die Schauplätze seiner Kindheit und Jugend vor Augen hatte. Ein wunderbarer Moment für die ganze Familie!

Der Einband wurde hier sehr hochwertig gewählt; das Muster ist ein Entwurf der Grafikern. Die Fotos im Buch wurden per Sternchen mit Seitenzahl dem Lebensbericht zugeordnet, so dass ein einfaches Nachschlagen jederzeit möglich ist, um den Zusammenhang herzustellen. Die zeitgemäße Gestaltung, die dennoch die einzelnen Zeitepochen durch prägnante Hintergründe und Elemente aufleben lässt, hat die Wirkung nicht verfehlt.

Ein Buch, das der jungen Generation die Geschichte der eigenen Herkunftsfamilie erzählt und im größeren Sinn dazu dient, dem Vergessen entgegenzuwirken

Beispiel 2

Um meiner Kundin aus Beispiel 1 eine Alternative zu bieten, entwarf ich ein Buch, bei dem nicht das Foto als solches, sondern der Lebensbericht im Vordergrund steht 

Dazu schrieb ich den vorhandenen Text nochmals ab und gab den einzelnen Zeitabschnitten sowie einzelnen Schwerpunkten in der Erzählung den passenden Raum und Rahmen. Die Hintergrundfarben bestimmen das jeweilige Handlungsfeld, so z.B. Kriegserlebnisse, Krankheitsphasen, Familie oder Ausbildung und Berufsleben. Auch hier habe ich bewusst Fotopapier für den Druck gewählt, da die dickeren Seiten dem Buch mehr Schwere verleihen und damit auch mehr Gewicht im übertragenen Sinne. 

Heraus kam ein Fotobuch zum "Lesen". Eine schöne Idee, die sich von geschriebenen Biografien unterscheidet, zumal die Fotos unmittelbar dem Text zugeordnet sind, grafische Schmuckelemente die Epoche widerspiegeln und individualisierte Hintergründe Abwechslung bieten.

Der schlichte Einband mit Golddruck vermittelt darüber hinaus eine hohe Wertigkeit, nicht  nur aufgrund der Verarbeitungsqualität,  sondern auch im Hinblick auf die persönliche Bedeutung, die das Buch für den Besitzer hat.

Beispiel 3

Beispiel 3 erzählt die Geschichte meiner sudetendeutschen Vergangenheit.

Meine Familie wurde 1945 aus Troppau vertrieben. Der Großvater befand sich 10 Jahre in russischer Gefangenschaft, meine Großmutter floh mit ihrer Mutter und ihren drei Töchtern. Das Wenige, dass sie mit sich trugen, wurde ihnen bald genommen.  Meine Mutter war die Jüngste, damals vier Jahre alt.

Die vielen Fotos, die aus der Zeit vor und nach dem Krieg stammen, wurden umsichtig sortiert und in eine sinnhafte Reihenfolge gebracht. im Buch befindet sich der ausführliche Bericht der Vertreibung, den die älteste Tochter niedergeschrieben hatte. Sie erzählt detailliert, wie es weiterging, bis die Familie wieder zusammenfand und ein neues Leben beginnen konnte. Damit baut sie die Brücke, wo keine Fotos aufgrund des Krieges vorhanden sind. Die Bilder entstehen im Kopf des Lesers und brauchen keine visuelle Unterstützung.

Geschichtliches Material ergänzt den historischen Rückblick und vermittelt der heutigen Generation ein Gesamtbild über die damalige Lage.

Ich habe meine Kindheitserinnerungen an die Großeltern festgehalten und am Ende resümiert, welche schwere Aufgabe die Großmutter bewältigt hat und was wir Enkel ihr verdanken.

Dieses Buch kann nun weitergereicht werden an die Kinder der Töchter und an alle, die nachfolgen.

Ein Buch zum Erinnern an das was war.

Ein Buch zum Gedenken an die Verstorbenen.

Ein Buch, das Raum lässt für Trauer und Hoffnung.

Ein Familienbuch!

© Bettina Wiegel 2018 

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